Reisebericht Westalpencross

Grosser Sankt Bernhard - Gap

Das in etwa unsere Tour. Das letzte Stück bis Gap haben wir per Zug hinter uns gebracht...

Die Vorbereitungen

Nachdem Peter Allenbach (Pesche) und ich letztes Jahr spontan beschlossen hatten zusammen im August 2019 eine Mountainbiketour zu machen ist es nun soweit. Ich habe gegen Ende Juni begonnen nur noch auf Biobike (MTB ohne Motor) Rad zu fahren, anfänglich rund um Köniz die mir geläufigen "Haustouren" und später während Ferien mit Kathrin im Unterengadin und anschliessend während Ferien im Südtirol zu viert mit der Lüscher-Family (Nate und Dänu). Es geschah während den Hitzetagen von 2019 von bis zu 40 Grad im Schatten, gnadenlos, kein Erbarmen mit mir. Ich wollte lieber etwas im Vorfeld "leiden" und nicht während der geplanten Tour mit Pesche. So bin ich etliche Höhenmeter, auch in praller Sonne, aber auch in Wäldern gefahren und immer besser in Schwung gekommen.

Parallel dazu habe ich bereits 2 Monate vor Tourstart mein Velo beladen und den neuen, wasserdichten und leichten Rucksack (Ortlieb) ebenfalls gefüllt und so Probefahrten gemacht. Dabei habe ich natürlich Gewicht gespart wo nur möglich. Mein Gepäck war schlussendlich total mit Taschen und Rucksack unter 7 Kg. Ich habe nichts dem Zufall überlassen.  

Pesche hat während dieser Zeit zusätzlich die Reise skizziert und ca. 2 Wochen vor Start haben wir die Etappen zusammen besprochen und teils etwas an die Übernachtungsorte angepasst. Pesche kennt die Französische Alpenregion aus meiner Sicht wie seine Hosentasche. Ich habe mich ganz auf ihn verlassen und das war richtig so, auch wenn es manchmal kleine "Verfahrer" gab, gehört aber dazu. Manchmal muss man halt live entscheiden wo man weiter durchfahren will und die Gegend etwas abschätzen. Hierzu vorneweg - mir war es oft schnorz wo's durchging - es war überall schön. Am 24. August ging's dann los.

Der Reisebericht

Der erste Tag der Tour: Bern - Vetan (Italien)

 Wir hatten uns im Bahnhof Bern beim Treffpunkt um 07.30 Uhr verabredet und waren pünktlich zugegen. Beide praktisch identisch beladen sowohl velo- wie auch rucksackmässig. Auch die Kleidung, wir hätten Zwillinge sein können, allerdings zweieiige. Sein Velo im Unterschied zu meinem Fully ein Hardtail und seins mit plus-Bereifung im Gegensatz zu meinen im Vergleich schmalen Pneus, normale eben. Der Zug sollte um 08.06 Uhr den Bahnhof verlassen, aber da stand noch ein Extra-Zusatzzug der 08.01 starten sollte. Klar, 5 Minuten früher starten, warum nicht? Räder rein und wir zwei blah blah blah. Ich weiss nicht was wir alles zu plaudern hatten. Dadurch waren die Durchsagen unterwegs und besonders in Spiez für uns schlicht weg uninteressant. Einzig aufgefallen ist mir, dass ein anderer Radfahrer in Spiez den Zug gewechselt hat. Dieser fuhr dann ab. Wir nicht. Wir blieben stehen, nun nicht unser Problem, der Zug würde schon bald weiterfahren. Leider nicht. Wir waren jetzt eher etwas still bis folgende Durchsage ertönte. "Wegen Unwohlseins des Zugführers fährt dieser Zug nicht weiter" ??? Was sollte das für uns heissen? Ich sah schon unsere ganze Tourenorganisation über den Haufen geworfen. Was tun? Ein bescheidener, kurzer Regionalzug führte uns schliesslich stehend nach längerer Wartezeit 

ins Wallis, allerdings nicht durch das Tal sondern auf der Anhöhe oben durch. So stiegen wir unterwegs in Baltschieder aus und fuhren per Velo ins Tal nach Visp zu unserem Anschluss, einer weiteren Regionalbahn und danach ins Postauto hoch zum grossen Sankt Bernhard. Mit 2 Stunden Verspätung erreichten wir unser Startziel.

Vor uns eine lange Abfahrt, teils über Singletrails, aber auch über die Strasse in Richtung Aostatal. Super Einstieg, mal zuerst fast 1600 runter, wäre da nicht gleich beim Start mein Sturz gewesen. Warum? Nun, weil ich erstens nicht aufgepasst habe und zweitens ich beim Vorderrad den vollen Federweg nicht reduziert habe und mit dem zusätzlichen Gewicht in der Lenkertasche war dann mein "eleganter" Salto über den Lenker durch Einstecken des Vorderrades unvermeidbar. Glück im Unglück, mir blieb nur der Schreck sonst nichts zurück, weder an mir noch am Velo. Kleiner Warnschuss, die Reise hätte hier bereits zu Ende sein können, war sie aber nicht. Glück im Unglück. Im Vergleich dazu war dann mein Plattfuss am Hinterrad, verursacht durch einen Minidorn ein Klacks. Dieser Platten geschah aber erst nach der wunderbaren und kilometerlangen Fahrt entlang einem Wasserlauf, wie es sie im Wallis oder im Südtirol etliche gibt, im finalen Aufstieg von rund 900 Höhenmetern auf 1700 m ü.M. Ja und leichten Regen haben wir auch noch genossen. Genossen deshalb, weil uns dieser Niesel überhaupt nicht gestört hat, so kurz vor dem Ziel bei "Madame Laura" in Vetan. Herzlicher Empfang durch sie, kurz vor dem Einnachten. Laura hat uns einen Espresso gebracht, wollte aber in das von uns reservierte Appartement nicht mehr betreten. Warum? Nun Pesche stand noch unter der Dusche, ohne Badehose natürlich. Vielleicht war es darum. Der Regen hatte inzwischen zugenommen. Madame hat uns angeboten uns per Auto zu einer Gaststätte zum Nachtessen zu fahren und wieder abzuholen. Sehr nette Geste. Polenta und Tomette (Schmelzkäse) rundeten diesen ereignisvollen Tag ab. Auf der Galerie haben wir gut geschlafen.

Tag zwei: Vetan - Arvier

Mit dem "Lohn" für den Aufstieg vom Vortag fuhren wir nach dem Frühstück down, insgesamt 2150 m an diesem Tag, aber auch rund 1250 m hoch in der Hitze auf maximal 2600 m ü.M. Zwischenhalt auf einer Alp beim Riffugio Fallere eine Bergbeiz. Das ging nicht ohne das MTB immer wieder stossen zu müssen wegen zu steil auf ungeteerten Wegen natürlich. Unterwegs haben wir dort immer wieder geschnitzte Holzfiguren und Tiere gesehen, aber auch Steinböcke aus nächster Nähe. Wir waren auf der Alp allerdings nicht alleine, es gab dort noch sonderbare Figuren, besonders die eine ganz in schwarz - lebend - ein Biker mit Schonern überall wo möglich am Körper. Haut sah man lediglich noch hinten an den Beinen. Auch der Kopf war durch einen Integralhelm in schwarz (welche Farbe denn sonst?) nicht sichtbar. Ich frage mich, was dieser Biker von seiner Umgebung noch wahrnehmen konnte. Seine "Alterssteifheit" rundete das Bild ab. Nach bescheidenem Mittagessen im Riffugio und fantastischer Abfahrt erreichten wir unser Ziel, das Hotel Col du Mont in Arvier - eine sehr bescheidene Bleibe ganz unten im Tal. Pizza und Salat vor dem Schlafen.

Dritter Tag:  Arvier - Riffugio Mario Bezzi

Das Ziel bei Mario Bezzi mussten wir uns an diesem Tag richtig verdienen durch ellenlanges Hochfahren (1850 Hm), Stossen und Tragen des Velos, bedingt durch die Lage der Bezzi-Berghütte auf 2400 m ü.M., nur erreichbar über einen steilen Wanderweg mit Zickzack-Führung und groben Steinen. Dafür wurden wir durch eine wunderschöne Berglandschaft und einen schönen Teich beim Ziel, voll von unzähligen "Rossnägeln" (Quallquappen) und Minifröschchen, sowie tausenden von Wasserläufern entschädigt. Allerdings sahen wir von dort aus den Weg für den nächsten Morgen. Nur rauf und nur stossen, gut 400 Höhenmeter. Macht nichts, das kommt erst nach dem Übernachten. Ab unserem Startort ging's diesmal ausnahmsweise mal über eine asphaltierte Strasse längere Zeit hoch. Ich fuhr in der Velo-Unterhose und dem Unterleibchen hoch. Zum Reinschwitzen waren mir die Radlerhose und das grüne Veloshirt zu schade. Keiner hat sich an meiner Aufmachung gestört, es hat mir unterwegs auch niemand andere "anständige Kleidung" angeboten. Unterwegs beim Mittagessen Gespräche mit Leuten links und rechts an den Tischen unter anderem auch mit einem Französischen Ehepaar, unterwegs auf E-Bikes. Pesche ist da genau so wenig kontaktscheu bzw. zurückhaltend wie ich. Wir fuhren weiter hoch und wurden bei kurzem Halt vom erwähnten Pärchen eingeholt. Wir fuhren gemeinsam weiter diskutierend über Gott und die Welt. Dadurch haben wir relativ weit unten im Tal eine Abzweigung verpasst. Der Lohn waren 200 zusätzliche Höhenmeter. Hat sich trotzdem gelohnt wegen wunderbarer Sicht auf den Stausee im Tal. Bezzi servierte uns Suppe, Penne mit Tomaten und einen Salat. Ging in Ordnung. Am Tisch sassen wir zu acht, vis-a-vis von mir ein Italienischer Psychologe (Giovanni Battista = Johannes der Täufer. Tönt ja auf Italienisch noch gut, aber auf Deutsch?) mit gleichem Jahrgang wie ich. Rechts am Tisch sassen 3 Grossbrittanier, zwei davon mit Ihren Gemahlinnen. Einmal im Jahr ein gemeinsamer Wanderausflug seit dem gemeinsamen Medizinstudium bis jetzt im Rentneralter. Einer war aus London, einer in Wales und einer in Schottland wohnhaft. Ich musste meinen Kopf beisammen halten. Der Italiener sprach nur Italienisch, die Engländer nur Englisch, die Bedienung am besten Französisch. Aber es ging, auch für Pesche. Wir stellten fest, dass man uns bewunderte (oder als Spinner betrachtete?) mit dem Velo hier rauf zu kommen. Wir wussten aber im vornherein von Reiseberichten im Internet, dass Franzosen mit Mountainbikes auch schon hier oben waren. Das sind aber definitiv Spinner. Geschlafen haben wir im 2. Stock im Parterre der Kajütenbetten.

Der vierte Reisetag: Riffugio Mario Bezzi - Tignes le Lac , oder Tignes 2000, oder Espace Killy

Tag und Nacht im Vergleich zur gestrigen Übernachtung, Tignes (2000 m ü.M.), ein Wintersportort bzw. eine Wintersportgegend mit 3 Namensgebungen, warum auch immer das so ist kümmert mich nicht. Eine "homage" an den heute vergessenen 3-fach-Olympiasieger von Grenoble, Jean-Claude Killy. Man hat damals gemunkelt dass diese Siege auch durch kleine Manipulationen zustande gekommen sind. Killy, so erinnere ich mich, war ohne Zweifel ein guter Skifahrer, besonders in der Abfahrtsdisziplin und auch noch im Riesenslalom, aber im Slalom? Er fuhr praktisch als Einziger in einem Wetter-Sonnenfenster. Vor und nachher Nebel. Lassen wir das den Franzosen, vielleicht ist meine Erinnerung falsch. Dort oben heissen praktisch alle Orte Tignes mit irgendeiner weiteren Bezeichnung - fantasielos. Von unserem Hotelzimmer hatten wir den Ausblick auf Strassen, Hotel-Hochhäuser, 5 Tennisplätze, Bergbahnen und etliche weitere Tourismusbauten. Die Natur ist dort oben gnadenlos gefordert. Ach ja, einen Golfplatz gab es da auch noch, aber davon später. Wie gestern berichtet starteten wir unseren Tag mit einem Schiebeaufstieg bis auf eine Krete die zugleich die Grenze zwischen Italien und Frankreich bildet. Richtig, ab da nur noch Französisch. Diese Krete hatte es in sich, praktisch nur Geröll, auf beiden Seiten, zum Glück auf der Französischen Seite nicht sehr weit talwärts, so dass wir von fast zuoberst nach dem Runterdrücken der staubtrockenen und gut gelagerten Sandwiches die wunderbaren Singletrails, eigentlich Wanderpfade und den Blick in die Ferne und die Fahrt vorbei an Schneeresten geniessen konnten - einmalig - wo findet man denn heute noch so etwas? Ja, auch das Frühstücksbuffet war eine Wucht, das Beste unserer Reise, präsentiert auf einem alten Brückenwagen von welchem sich Pesche gefragt hat wie der wohl in den obersten Stock des Hotels transportiert wurde. Nachtessen ebenfalls im selben Hotel wie auch schon - Pizza und Salat. Erwähnenswert noch der Zwischenfall unterwegs beim Aufstieg von Les Pigettes nach Tignes les Breviers wo uns ein kleines Hüngerchen plagte, aber alles geschlossen um diese Jahreszeit. Um 14.10 Uhr doch noch eine Gaststätte gefunden. "Manger c'est fini, la cuisine est fermée". Hat uns noch gerade gefehlt - wo ist denn das die Flexibilität? Wir sind doch zum erstenmal da und dann dieser Empfang - passte nicht in unser Verständnis von Gastwirtschaft, nicht mal ein Sandwich. Wir hätten auch staubtrockene akzeptiert. Bei der Weiterfahrt gleich die nächste Überraschung. "Eboulement de terre" hiess es, "Route barrée" haben sie gesagt, "impossible de passer, mème a pied" war die Auskunft einer freundlichen Autofahrerin haltend, uns entgegenkommend. Umkehren, aber nicht ganz. "Da ist doch irgendwo ein Fussweg nach oben auf die Strasse" meinte Pesche. Auf alle Fälle zeigte das sein Navi so. Das Resultat Büsche, Bäume, Neophyten, Brennnesseln usw. in dichter Bewachsung. Stossen, Heben, Aufpassen wohin man tritt und dann - Überraschung plötzlich doch noch ein Pfad, aber steil, gefühlt teils fast überhängend. Irgendwie kamen wir dann aber doch hoch auf sie, die Strasse. Nach Entfernung von Blüten-Samen-Pflanzenfäden-usw. ging's dann auf reguläre Art weiter hoch zum Ziel, unterwegs vorbei an einem Stausee über dessen Mauer. 1170 Hm an diesem Tag, eigentlich bescheiden für uns.

Tag Nummer 5: Tignes - Moutiers

Klar, es könnte bei meinen Reiseberichten der Eindruck entstehen, dass wir die Räder vor allem gestossen haben. Stimmt nicht, meist fuhren wir, aber stossen gehört nun mal auch dazu, so auch heute gleich nach dem Start, ca. 300 Höhenmeter zu Fuss hoch auf direktem Weg, begleitet von ständigen über uns stattfindenden Helikopter-Transportflügen, lärmig, unangenehm. Aber nichts im Vergleich zu der Begegenung mit den zwei Golftanten. Schicksen, die uns den Durchgang verhindern wollten, das sei Golf-Gelände und gefährlich wegen fliegenden Golfbällen. Wir hatten Helme auf, sie nicht. Wir umgingen wortlos die uns in den Weg gestellten Golftrollies in Richtung Himmel, im oberen Teil des Aufstiegs schlussendlich auf einer Piste. Auf dem Col du Palet auf 2600 m ü.M. dann ein Schild. "Interdit pour VTT" Als Mountainbikefreaks wissen wir dass VTT "velo tout terrain" heisst und damit waren auch wir gemeint. Also zu Fuss ca. 1,5 Km auf eigentlich schön zu fahrenden Wegen leicht runter, ohne Bussenrisiko und Respekt vor der Natur. Dort oben eine Wucht, das spürst du ganz innen im Herzen. Vor dem Aufsteigen auf das VTT haben wir eine Gruppe sehr freundlicher Jugendlicher gekreuzt. Hinten nach die Lehrkräfte dieser Schulklasse, aber weit gefehlt, nicht Lehrkräfte, nein Pfarrer bzw. geistliche Begleitung seinen Schäflein auf grosser Wanderung. Die Abfahrt auf Singletrails und Feldstrassen, vom Feinsten - endlos - 2400 Hm runter bis zum Refuge de la Glière wo wir uns mit Omelette au Beaufort und Salat verpflegen konnten. Dort hatten auch die Jugendlichen mit ihren Hütern übernachtet. Auch da Natur pur, 3 Hühner bei Ihrer Mittagspause unter unserem Tisch. Heute waren es 1300 Höhenmeter hinauf. Schlafen in Moutiers im Hotel Terminus neben dem Bahnhof. Nachtessen in der Nähe wie immer Pizza und Salat.

Der 6. Tag unterwegs: Moutiers - Saint Michel en Maurienne

Heute 2045 Höhenmeter, 1810 m Abfahrt. Wir haben einen Brunnen mit einem Frosch, sowie einen Lautsprecher vom Markt in einem Friedhof stehend gesehen. Wir haben heute mal am Mittag Pizza mit Salat gegessen, diesmal nur eine halbe und dabei die T-Shirts und Handschuhe in der Sonne auf dem Geländer des Restaurants trocknen lassen. Gut, als dann Gäste unmittelbar neben unserer Wäsche Platz nahmen, unternahmen auch wir etwas. Wir nahmen die noch immer feuchten Kleidungsstücke weg und legten sie auf die Treppe des Nebengebäudes, danach nahmen wir wieder Platz. Eine angemessene Massnahme, Mann. Die Auffahrt am Morgen früh begann praktisch vor dem Hotel, wieder auf einer geteerten Strasse wo wohl auch ab und zu Velorennen stattfinden, ev. sogar die Tour de France, war die Strasse doch voller Namen und Anfeuerungssprüche wie "Allez" und "Hopp". Unter anderem einer mit "Vas'y Hugo" obschon ich dort noch nie hochgefahren bin. Bei einer der Abfahrten wurde ich diesmal jäh gebremst. Durchschlag des Pneus auf die Felge des Hinterrades. Schlangenbiss heisst dieser Vorfall. Die Felge schlägt dabei direkt auf den Untergrund, meist Steine und quetscht dabei den Schlauch im Reifen dermassen stark dass rechts und links im "Chambre a air" wie man hier in Frankreich zum Schlauch sagt Löcher entstehen. Diesmal war der Schlag so heftig, dass gleich Schlitze entstanden. Den Schlauch konnte ich gleich schmeissen. Das Ziel war das Hotel Le Martinan, etwas Grösseres mit angeschlossenem Campingplatz und einem Altersheim. Nur Essen servieren die nicht am Abend. Im Ort gab's dann trotzdem etwas - Penne scharf mit Salat. Auf Pizza haben wir heute Abend verzichtet. 2x am Tag wäre doch etwas des Guten zuviel gewesen.

Nr. 7: Saint Michel en Maurienne - Refuge des Drayères

Refuge, das gefällt mir. Wiederum mal eine Berghütte als Ziel. Das versprach Natur pur wie ich sie liebe und wahrscheinlich interessantes und abwechslungsreiches

Biken. Ich habe ja schon lange kein Velo mehr gestossen. Am Anfang wiederum "aus dem Stand" Hochfahren zum Col du Telegraphe der Vorläufer des Col du Galibier. Viele Sportler auf Rennvelos gesehen, auch solche die wir grosszügig an uns vorbeiziehen liessen. Oben schliesslich wiederum in der Gaststätte Wäsche getrocknet. Wir  fuhren anschliessend 200 m die Strasse runter bis 8 Km vor den Galibier, welchen wir rechts liegen liessen und bogen ab auf eine ungeteerte Militär - Bergstrasse, teils stossend, meist aber auf dem Velo bis auf 2500 m ü.M. hoch. Auf dem Col des Rochilles haben wir dann noch ein Rentnerehepaar getroffen die etwas nervös wirkten, wahrscheinlich durch die Donnerschläge die in einem Paralleltal zu uns rüber drangen. Zu verstehen, die hatten noch eine längere Strecke zu Fuss vor sich als wir zum Refuge des Drayères. Wieder wie erwartet, wunderbare Abfahrt, ich liebe es und dann weit unten das Ziel mit einem grossen und sehr haarigen Hund beim Eingangsbereich liegend. Ein Schaf ist im Fellvergleich daneben ein Nichts. Schlafraum mit 3 Kajütenbetten. Dieses Mal hatten wir noch einen Beischläfer, ein Franzose in Valence, 7 - 800 Km entfernt wohnend. Der fährt des öfteren in die Alpen, per Auto natürlich, oder eben nicht natürlich um allein zu Wandern. Der ging ganz früh raus am nächsten Tag mit der Begründung, dass wenn ihm etwas zustossen würde die Chance bestünde dass noch jemand etwas später vorbei kommt. Kann man so sehen und machen. Die Dusche, immerhin hatte es eine, 2 Euro für 5 Minuten. Frühstück ein Messer, ein Löffel, eine Kachel. Kein Teller, keine Tasse - ging. Man ist eben nicht zu Hause. Nachtessen Eieromelette, Teigwaren, Salat alles für Vegetarier wie uns zwei. Zu erwähnen ist noch die Französische Familie Bestehend aus Eltern um die 60, Tochter mit Freund und Sohn. Der Vater auf Boden im offenen Zimmer sitzend, lesend unter Fenster, weil elektrisches Licht gab es auf dieser Etage nicht. Ich habe ihn belanglos angesprochen, daraus entstand wiederum eine interessante Diskussion. Sie erzählten von der Misere in Frankreich und Pesche und ich gaben Auskunft über das politische System in der Schweiz. Dann ging es noch um Dinge die in beiden Ländern wohl gleich oder ähnlich sind, dann das Asylwesen. Die Mutter ist in Frankreich im Sozialdienst tätig und betreut Immigranten. Es entstand so etwas wie eine Herzlichkeit, das ging so weit, dass wir bei der Abfahrt mehrmals fotografiert wurden und Hände geschüttelt wurden. Wir sind dann etwas abenteuerlich losgefahren, auch um etwas Eindruck zu machen. Es ist halt noch immer da dieses Gehabe.

Der 8. und letzte Tag auf dem Velo: Refuge des Drayères - Guillestre/Gap

Wir sind natürlich erst heute losgefahren, auch wenn ich bereits gestern davon berichtet habe. Es war bei der Abfahrt besonders kühl heute. Das Frühstück war eher dürftig gewesen, wir haben nicht viel gegessen und das was sich Kaffee nannte war wohl etwas anderes als Kaffee, aber auch mit Wasser, vor allem mit Wasser. So war unser erstes Tagesziel Nevanche, die bekannte Bäckerei mit Café. Tatsächlich, wir haben uns dort zu unserer vollsten Zufriedenheit versorgt. Ja, heute ging es darum möglichst viele Kilometer zu fahren, dies auf teils stark befahrenen Verbindungsstrassen. Wir fuhren zügig, immer einer im Windschatten des anderen bis wir genug hatten. In Guillestre bestiegen wir den Zug nach Gap. Die Billette wurden uns von einem begeisterten Velofahrer hinter der Glasscheibe im Bahnhof ausgehändigt. Er wollte kaum aufhören mit Schwärmen, auch von der Schweiz wo er auch schon war. Hinter uns bildete sich eine Menschenschlange... Die Übernachtung erfolgte in zwei grossen Doppelbetten mit synthetischen Decken, auf schick gemacht, aber eben nicht echt schick. Wir waren im Hotel sehr willkommen aufgrund dessen dass wir eben sympatisch sind. Das darf man ruhig auch mal erwähnen. Das Nachtessen in gediegener Athmosphäre, allerdings in einem anderen Gasthof des Ortes. Pesche: Penne mit Pilzen, muss er ja als passionierter Pilz. Ich Risotto au Rocfort, muss ich ja als Käsefreak. Beides war gut.  

Den Nachmittag haben wir genutzt um uns die Ortschaft etwas näher anzusehen, besonderes gibt es da nicht, auf alle Fälle das zu erwähnen wäre, ausser dass dort ein regionales Pétanque-Turnier stattfand. Wir haben während ca. 2 Stunden zugeschaut. Die spielen praktisch alle saugut. Es ging nicht in erster Linie darum, dass die Würfe (platzieren bzw. wegspicken der gegnerischen Kugel) gelingen, sondern viel mehr um die Taktik, welche ich im Laufe des Nachmittags langsam erkennen konnte.

Tag 9: Gap - Bern

Etwas "Nochmalfernweh" (neues Wort für das Gegenteil von Heimweh, steht noch nicht im Duden) kam schon auf. Immerhin haben wir 13500 Höhenmeter in den Französischen Alpen befahren mit fantastischen Eindrücken und Erlebnissen, wenn auch kleine, aber die sind wertvoll. Diese Tour werde ich nicht vergessen. Ich sehe mich schon im Altersheim täglich etwas von Velofahren in Steinen, Velo schieben, Schwitzen, Pizza und Salat vor mich her zu Brummeln.

 

Definitiv unser letzter Tag, ohne Velofahren, immer nur Zug, anfänglich im Diesel-Zug mit Kopfschmerzen und leichtem Unwohlsein bei mir, danach ab Grenoble bis Genf schon neuzeitlich unter Strom im Doppelstöcker. Kaum Radfahrer im Zug. Ab Genf - "potz tuuusig" - trotz grosszügigem Platzangebot für Velos ein "Gschtungg" im Zug - Velowagon. Pesche sah ich erst in Bern wieder von vorne, er war eifrig in Gesprächen mit anderen Zugfahrenden vertieft, gut ich auch, aber mit anderen, einem jungen Studentenpaar aus der Nähe von München. Er will Sport studieren, sie Försterin. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für mich, als Hobby-Förster.

Lies auch unter www.haltenhuebeli@jimdo.com

Zusammenfassung

Eine der schönsten Touren die ich je gemacht habe, mit Pesche, eine Person mit welcher ich mich bestens verstehe, sowohl menschlich wie auch velomässig. Wir hatten Glück mit dem Wetter, kaum zu Hause hat heftiger Regen eingesetzt. Mit dem Velo unterwegs ist für mich etwas vom Schönsten was es gibt. Freiheit, Erlebnisse, Kontakte, draussen sein, Natur, Bewegung, am Abend glücklich müde, guter Schlaf, die Liste könnte ich beliebig verlängern. Und schon zieht es mich wieder auf den Velosattel. Ich fahre in wenigen Tagen per Elektrovelo von zu Hause nach Korsika und werde dort eine Reise für Elektrovelofahrende rekognoszieren, welche ich im nächsten Mai in der Woche von Auffahrt leiten möchte. Ich freue mich.

Und zum Schluss noch das Höhenprofil mit  13500 Höhenmetern. Nicht schlecht für 2 Grossväter...